Im Licht des Fleisches
Piero Steinles Installation über Tierkörper-Verwertungsanstalten

Im Dunkel der nachtschwarzen Halle, in den maßlosen Vergrößerungen der Dia-Installation, wachsen sie zu abstrakten Landschaften heran: geschundene Tierleiber, Schädel, Kiefer und Rippenbögen, quellende Gedärme. Wir sind am Übergang zwischen schierer Fleischlichkeit und der reinen Transzendenz. Die kollektiv verdrängte schockierende Realität der Tierkörper-Verwertungsanstalten, in denen die physischen Überbleibsel kranker Haustiere in eine irgendwie verwertbare mehlige Existenz umgewandelt werden, sie wird im Schwarz-Weiß der gigantisch überdehnten Breitwandprojektion zur luministischen Offenbarung, zu einer Art Oster-Erlebnis. Wir erleben die visuelle Auferstehung des Fleisches: Alles Licht im Raum geht von den toten Körpern aus.

Piero Steinle, der mit Julian Rosefeldt die grandiose Dokumentation „Detonation Deutschland" erarbeitet hat, ist in die abgedunkelte Orangerie des Englischen Gartens mit einer Installation zurückgekehrt, die mit sechs parallel geschalteten Projektoren eine der Längswände zum Ort der Transsubstantiation, der optischen Reinigung macht. Aus dem blutigen Grauen der Abdeckereien, das alle Sinne rebellieren lässt, wird durch die fototechnische Umsetzung und Überhöhung ein aufwühlendes ästhetisches Ereignis, das sich durchaus theologisch ausdeuten lässt.

Steinle hat jahrelang Kämpfe mit Behörden ausfechten müssen, bis er in Tierkörper-Verwertungsanstalten fotografieren durfte. Durch die jüngsten Seuchen hat sein Bildreport eine grausame Pointierung erfahren, doch sein Blick auf die geschundene Kreatur hat nichts Voyeuristisches, er verhilft den Tieren zu einer fast poetischen Existenz: Wenn der tote Schafbock auf dem flimmernden nassen Boden der Abdeckerei erkennbar wird, glaubt man das Sternbild des Widders am Himmel aufgehen zu sehen.

Gottfried Knapp, Süddeutsche Zeitung, Samstag/Sonntag, 5./6.Mai 2001

Bewegende Ausstellung über eine verdrängte Welt
München - Fast 45 Minuten lang stockt einem der Atem. Maschinenlärm und der abgedunkelte, kalte Raum liefern den Betrachter seinen Sinneseindrücken völlig aus. Im Angesicht der monumentalen Fotoprojektion mag der Verstand nicht glauben, was die Augen sehen. Durch den lapidaren Titel "Tierkörper" der Installation, die der Künstler Piero Steinle noch bis zum 27. Mai in der Orangerie zeigt, ahnt es der Besucher allerdings schon. In die schwarz-weißen Nahaufnahmen, die fast wie Landschaftsformationen erscheinen, zeichnen sich die Indizien nur allzu bald ein: Fell und Hufe, Zahnreihen ebenso wie blankes Fleisch, hie und da ein Auge, das ziellos starrt. Dann tauchen die großen, gefliesten Hallen auf, in denen die Tierkadaver achtlos hingeworfen herumliegen wie nasse Wäsche. Mit dem oft abrupt abbrechenden Lärm nimmt die Gewissheit zu, und die Bilder von vereinzelten Tierleichenteilen und Embryonen, die sich langsam aus dem Dunkel schälen, schnüren einem schier die Luft ab. "Die physische Spürbarkeit von Zerstörung ist es, was mich interessiert", erklärt Piero Steinle seine jüngste Installation. Unter diesem Aspekt lässt sich eine Brücke zu seiner Arbeit "Detonationen" schlagen, die 1996 in München am selben Ort zu sehen war und starken Eindruck hinterließ. Bei dieser Videoprojektion ließ schon die Lautstärke der gezeigten Sprengungen die Körper der Betrachter erzitterten. "Tierkörper" wirkt sich im Vergleich eher subtil aus, indem sonst unsichtbare, weil verdrängte Orte vorgeführt werden: so genannte Tierkörperbeseitigungsanstalten, von denen es in Deutschland etwa 50 gibt, und die in der Regel von der Gesellschaft ausgeblendet werden. Erst durch den Rinderwahnsinn und die Praxis der Tiermehlverfütterung nahm die Bevölkerung sie verstärkt wahr. Dabei sind sie nicht immer zu Recht unter Beschuss geraten, weil das Handwerk uralt ist und notwenig - wenn auch durch die Industrialisierung ins Absurde verkehrt. Wenn Tiere oder Schlachtabfälle verbrannt werden müssen, damit Marktpreise nicht verfallen, blitzt der Irrsinn durch die Bilder, fast glaubt der Betrachter manchmal, ein Verrückter treibe da sein Unwesen. Dann hallt das Lied "American Pie" von Madonna durch die Räume und holt einen wieder ins Diesseits zurück.

Milena Greif, Die Welt, 22.5.2001

Wer 1969 in der Galleria l’Attico in Rom die Ausstellung von Jannis Kounellis besuchte, fand in der weiß getünchten ehemaligen Garage zwölf lebende Pferde. Ihre dampfenden Leiber belebten für die Dauer der Kunstschau den Raum. Kounellis verstand diese Aktion als eine Dramatisierung der Malerei und damit der Kunst überhaupt.

»Dodici Cavalli Vivi / Zwölf lebende Pferde« – so der Untertitel – ließ im White Cube des Galerieraumes eine dichte sinnliche Erfahrung entstehen. Gute zwanzig Jahre später zeigt Piero Steinle (geboren 1959 in München) seine Installation »Tierkörper«. Auch er liefert eine schockierend andere Erfahrung im Kunstraum: In den raumfüllenden Diaprojektionen seiner hochperfekten Schwarzweißfotografien sieht man ebenso Tiere in der vollen Präsenz ihrer Körperlichkeit – sie alle aber sind tot.

Seine Installation versuche, sagt Steinle, »eine Reise in die fremde animalische, uns ernährende und umgebende Körperwelt, sie sucht den Kontakt mit einem nahen fernen Universum: mit uns selbst«. Ausgehend von der Architektur als Ausdrucksträger, geht Steinle aus dieser Perspektive auf Räume fotografisch zu, untersucht deren praktischen Gebrauch wie ihre inhaltliche Besetzung. Der »exotische« Raum, in den er den Betrachter mit der Serie »Tierkörper« führt, sind die modernen Verarbeitungsanlagen von überflüssigen Tierkörpern in einer industriellen Gesellschaft.

In den Stilleben des Barock ist das tote Tier ein Memento mori und damit immer auch Spiegel unserer eigenen existentiellen Bedingungen als sterbliche Kreaturen. Wie schonungslos ein solches Memento mori am Anfang des 21. Jahrhunderts aussehen kann, zeigt Steinle mit der schockierenden Intensität seines dunklen Projektionsraumes und mit bewußtem Aufwand ästhetisierender Mittel. Das 60minütige Bildprogramm der Fotoinstallation wird durch ein akustisches Programm aus Originaltönen und elektronischen Tönen verdichtet.

Steinles Schwarzweißfotografien zeigen Rinder, Hühner, Schweine, Schafe. Er inszeniert die Körper isoliert vor schwarzem Grund, drapiert das tote Fleisch der Tierleiber zu eindringlichen Skulpturen und zeigt die leblosen Körper im Kontext des sachlich maschinalen Ambientes des industriellen Verwertungsbetriebes. Im Unort der Tierkörperverwertung prallen die Idealisierung und Sentimentalisierung des Tieres und die Bürokratisierung und Mechanisierung des Todes und dessen gleichzeitige Tabuisierung in unserer Gesellschaft aufeinander.

Diana Ebster, in Johannes Bilstein, Mathias Winzen (Ed.): Das Tier in mir – Die animalischen Ebenbilder des Menschen, Köln 2002

Piero Steinle: Tierkörper
Mit einer Sequenz von Diaprojektionen, begleitet von Originalgeräuschen und schütteren, vom Künstler selbst entworfenen elektronischen Klängen, entführt Piero Steinle den Betrachter in nie gekannte und gesehene Räume. Tierkörperbeseitigungsanstalten, verharmlosend neutral TBA’s genannt, gehören zu den absoluten Tabu-Orten unserer Gesellschaft, von deren Existenz die meisten erst jüngst während der BSE-Krise überhaupt erstmals Kenntnis genommen haben. Monate lang musste Steinle sich mit Behörden um Zutritts- und Fotogenehmigung streiten. Aufnahmen in einem Atomkraftwerk, als „AKW“ namentlich gleichermaßen entschärfte Tabu-Schwester der TBA, wären wohl kaum schwieriger gewesen.

Der Ausflug sprengt den üblichen Horizont, und das sicherlich nicht nur wegen des gigantischen Bildformats von 4,5 auf 18 Meter, projiziert von sechs Diaprojektoren in bestechender fotografischer Präzision. Er geht im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut. Schon das erste Bild der insgesamt knapp 60minütigen Sequenz ist Programm für Steinles Vorhaben: Man glaubt ein pastos gemaltes, abstraktes Bild in einer Super-Nahaufnahme vor sich zu haben. Eine dramatische Landschaft in schwarzweiß, eine Landschaft aus Furchen und Gräben, aus gestrichenen, geschmierten und gespachtelten Farbwülsten in unendlich vielfältigen Tonschattierungen, die Reliefwirkung effektvoll ins Streif-Licht gesetzt.

Erst die nächsten Bilder, die von der Nahsicht in die distanziertere Perspektive wechseln, bringen schockierende Aufklärung. Es handelt sich nicht etwa um ein Gemälde, sondern um die geschundene Oberfläche eines toten Tierkörpers. Doch der erste Schock ob dieses Anblicks der gequälten Kreatur wird durch die stille Ästhetik des eindringlichen Blicks aufgefangen. Die Bilder machen betroffen - nicht nur wegen des Anblicks grauenvoll zugerichteter Lebewesen, sondern vielleicht mehr noch, weil sich darin eine Ästhetik offenbart, in der sich die brutale Realität in Kunst transzendiert. Können entstellte tote Tiere schön sein? Eine blasphemisch anmutende Frage, die einem die eigenen ästhetischen Vorstellungen als Abgrund vor Augen führt.

Und doch ist Steinle weit davon entfernt, das Elend der Tiere für ein ästhetisierendes Spektakel zu missbrauchen. Es ist eher der gegenteilige Weg: Die Bilder rufen mit dem Blick auf die Tiere wieder ins Gedächtnis, was Kunst eigentlich ist. Dass ein abstraktes Gemälde nicht einfach l’art pour l’art, eine mehr oder weniger beliebige Verteilung von Farben auf einer harmlosen Leinwand ist, sondern ein Drama, das sich aus Leid und Tod speist, Verwerfungen und Entstellungen zur Folie hat. Und mehr noch: dass es die Kunst der leidenden Kreatur schuldig ist, dieser Realität mit entsprechendem Ernst und der nötigen Sensibilität Tribut zu zollen. Die gegenseitige Verpflichtung von Kunst und Realität wird so gleichsam zum Meta-Thema der Installation.

Steinles Blick auf die Tiere ist einfühlsam und mitfühlend. Trotz aller Entstellungen, trotz gebrochener und verrenkter Gliedmaßen, trotz zu unwürdigen Fleischbergen aufgetürmten Tierleibern wahrt jedes Bild die Würde der Tiere. Das liegt zum einen an der Entscheidung für Schwarzweiß, die einen Verzicht auf den Blutrausch mit sich bringt und stattdessen eine poetische Verfremdung, eine Umwertung bewirkt. So reduziert er die Leiber eben nicht nur auf fies geschundenes Fleisch, sondern gewinnt den Oberflächen eine traurig-reizvolle Schönheit im Spiel von Licht und Schatten, in der Textur von Fell und Haut ab oder sieht ornamentale Strukturen in den aufgeschichteten Tierkörpern und Tierkörperteilen. Vor allem aber liegt es daran, dass er der namenlosen Fleischmasse immer wieder Individuen entreißt. Selbst in regelrechten Tierkörperbergen focussiert Steinle stets den Blick auf Individuen, die aus der Masse herausragen: Ein traurig blickendes, gebrochenes Auge, ein verzweifelt nach oben gestrecktes Bein, eine verkrampfte Klaue bilden eindringliche persönliche Kontrapunkte zum anonymen Tiermehl, zu dem sie verarbeitet werden.

Meist aber nimmt er ohnehin einzelne Tiere in den Blick, die in ihrem nackten Dasein eine ganze Lebensgeschichte zu erzählen scheinen. In unendlicher Einsamkeit liegen sie auf dem asphaltierten Hallenboden, isoliert von jeglicher Umwelt. In der Schwarzweißtechnik werden die Blutlachen zum tiefschwarzen Bildgrund, der dem Geschehen eine existenzielle, ja kosmische Dimension verleiht: Aufstrahlende Glanzlichter auf dem blutnassen Boden verwandeln die Abdeckerhalle in einen Sternenhimmel, auf dem man die Tierkreiszeichen als Seelen der toten Körper aufleuchten zu sehen glaubt. Und schließlich sind es auch die toten Tiere, von denen das einzige Licht im nachtschwarz abgedunkelten Raum ausgeht. Gottfried Knapp schrieb in diesem Sinne in der Süddeutschen Zeitung von „einer Art Ostererlebnis, einer visuellen Auferstehung des Fleisches“.

Anders etwa als die Becher-Schule, deren nüchtern-kühler, inventarisierender Blick für solche Gefühle wenig Raum lässt, hat Steinles Zugriff auf die Realität in jeder Phase eine poetische Qualität. Das gilt sogar für die Sequenzen mit den Maschinenhallen, die als Kontrast zu den Tierkörpern immer wieder zwischengeschaltet werden. Menschen tauchen nur ganz vereinzelt auf; am eindrücklichsten vielleicht das Büro, ein ganz normaler, aufgeräumter Schreibtisch mit einem verträumten Mann, von dem das massenhafte Schreddern des Fleisches verwaltet wird. Alles wirkt harmlos: der Spind, die Gummistiefel, das gleichmäßige Geräusch der Maschinen, das kein hollywoodreifes Splittern und Knacken von Knochen, kein Heulen von Kreissägen kennt, sondern die Tragödie der Tiere in der sterilen Perfektion eines technischen Ablaufs verschwinden lässt. Ein Song von Madonna ertönt aus einem Transistorradio im Hintergrund, und allein der blechern-hohle Hall der Halle bricht die flotte Musik und lässt etwas von der Einsamkeit des Sterbens, von der Verlassenheit dieses Ortes erahnen. Die lapidare Ruhe und Stille, die von den Bildern und kosmisch anmutenden, von Steinle komponierten elektronischen Tönen ausgeht, gehört zu den großen Stärken der Installation. Sie stellt eine fast meditative Atmosphäre her und gibt dem Betrachter den nötigen Raum für eigene Gefühle und Gedanken, die das Thema sicherlich bei jedem hervorruft.

Die letzten Bilder der Sequenz schlagen den Bogen zum Anfang. Von einem Berg toter Rinder, die in einem weiß gestrichenen Raum aufgeschichtet sind, verschwinden nach und nach Tiere – der Blick focussiert sich von der namenlose Masse auf das einzelne Tier. Am Ende bleibt der nackte Raum, der schließlich mit einem Shot auf die Stirnwand auf eine blutverschmierten Fläche reduziert wird. Von der Realität des Todes bleiben nur die Spuren der Erinnerung. Sie sehen aus wie ein Gemälde von Antoni Tapiès oder Franz Kline.

Reinhard Spieler: Piero Steinle: Tierkörper. Kunstforum 156, august 2001

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